coming.out

Der Coming-out-Tag wird seit 1988 am 11. Oktober jedes Jahres begangen. Die Idee ist sich gegenseitig Mut zu machen und sich zu zeigen. Das Coming-Out, ob als Lesbe, Schwuler, Bisexuelle/r oder ganz anders, kann Freiheit bringen und endlich Klarheit – aber erst mal kostet es oft Angst und Zweifel.

Bin ich die Einzige, die sich zu anderen Jungs hingezogen fühlt? Bin ich der einzige, der andere Mädels begehrt?

Das sind Fragen, die für Jungs und Mädels sehr verstörend sind, und sie gehören zu praktisch jedem Coming Out.

Das muss nicht sein.

Beim Coming Out Day geht es darum, sichtbar zu sein, und anderen Menschen zu zeigen, wie unglaublich normal es ist, lesbisch, schwul oder transident zu sein. Deswegen sind heute alle aufgerufen, sich zu zeigen: In der Schule, im Büro, in der Kirchengemeinde, in der Jugendgruppe, im Sportverein, beim Gespräch in der Mittagspause und beim Erzählen über die bevorstehende Wochenendplanung: Nichts ist so normal wie selbstverständlich anders, bunt und vielfältig zu sein 🙂

 

Ich erzähle euch mal meine Coming Out Story

Ich erinnere mich noch ganz genau wie es war. Meine Freunde versicherten mir damals, wie gut und schmerzfrei dieses Outing sein soll. Ich solle mir keine Gedanken machen. «Das kommt schon.»

Mit gutem Gewissen folgte ich ihrem Rat und beschloss es meinen Eltern zusagen. Doch der «perfekte» Moment blieb aus. Ich wartete. An einem Sonntagmorgen bei einem Familienbrunch mit den Grosseltern, bemerkte meine Mutter, dass ich mich anders verhielt. Am Tisch fragte sie mich: «Glenn, was ist los? Irgendwas bedrückt dich.» Da wusste ich: Jetzt oder Nie. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und outete mich vor der ganzen Familie. «Mom, Dad. Ich bin schwul» Das hat gesessen. Statt fröhliche Gesichter zu zeigen waren alle verstummt. Still wars am Tisch. Mein Vater wusste nicht wie darauf zu reagieren. Meine Schwester war noch zu jung um etwas zu verstehen. Meine Mutter meinte, es sei nur eine Phase, das vergehe wieder. Zum unser aller grossem Erstaunen aber meinten meine Grosseltern: «Glenn, solange du glücklich damit bist, sind wir es auch.» Wow, das hätte ich nun am wenigsten erwartet.

Tage vergingen nach dem Coming Out.

Eines Tages kam ein Anruf. «Hallo Glenn, hier spricht Pfarrer Schmid. Komm doch mal vorbei.» Mein Gedanke: ernst jetzt? Es war klar, dass meine Mutter dahintersteckte. Sie war ratlos und wusste nicht genau wie sie damit umgehen soll. Also traf ich mich mit dem Dorfpfarrer.

Wir haben uns zu Kaffee und Keksen getroffen und über Gott und die Welt geredet. Keine Predigt, was ich machen soll oder wie ich meinen Glauben führen soll. Am Schluss meinte er zu mir: «Schau Glenn, am Ende dieses Gesprächs will ich Dir nur eines sagen: Du entscheidest welchen Weg du gehen sollst. Es ist Dein Leben und nur Du weisst was dir guttut. Ich möchte Dir da nicht reinreden.»

Erleichtert ging ich nach Hause und erzählte meinen Eltern von unserem Gespräch. Meine Mutter war weniger begeistert … Sie hatte sich erhofft, dass der Pfarrer mich von meinem Schwulsein «heilen» und mich auf den richtigen Weg leiten würde.

Sie liess das nicht auf sich sitzen und schickte mich zu Seelensorgern, Therapeuten und anderen «Heilern» mit der Hoffnung, mein Schwulsein zu «heilen». Lustigerweise, haben diese Fachleute mir nach mehreren Gesprächen eher zum Schritt gratuliert, weil sie selber schwul sind. Tja. Damit hat dieser ganze Heilprozess ein Ende gefunden, und sie hat es aufgegeben.

Nicht, dass Ihr nun denkt, meine Mutter hätte was gegen Homosexuelle. Sie war zu dieser Zeit einfach nur ratlos und wusste nicht wie damit umzugehen. Nicht ihr eigener Sohn! Meine Mutter hat viele homosexuelle Freunde oder auch Arbeitskollegen. Doch der eigene Sohn, das schien ein schwieriges Thema zu sein. Zu guter Glück, war sie mit einem schwulen Paar eng befreundet, die später meine so genannten Mentoren waren und zwischen mir und meiner Mutter mit Ratschlägen vermittelten.

Inzwischen sind 18 Jahre vergangen, und heute ist mein Schwulsein kein Thema mehr. Meine Eltern haben mich vollkommen akzeptiert, und selbst mein Vater zeigt Interesse, wenn er was in den Zeitungen liest oder sich mit meinen Freunden anfreundet. Einer meiner besten Freunde Roger, den ich mal zu einer Sommerparty bei mir zu Hause eingeladen hatte, meinte: «Hey, wieso hesch du mir nie xeit dass du so cooli Eltere häsch…?» 😉 

Ich bin meinen Eltern für vieles dankbar.

Als schwuler Sohn einer evangelischen Grossfamilie war es nicht immer leicht. Ich erinnere mich noch an die Worte meines anderen Grossvaters in Asien: «Glenn, remember God made Adam and Eve – not Adam and Steve…», was auch stimmt. Aber es ist halt eben so. Ich bin schwul und stolz auf mein Leben.

Als Teenager in der Schule, war ich lange unsicher mit mir selbst. Hatte nicht wirklich gute Freunde und wenn ich mich einer Gruppe anschliess, hielten die anderen uns für eine Sekte oder einen Hexenzirkel. Weil wir halt anders waren. Ich gehörte nie zu den coolen Kids oder zu den beliebtesten. Ich war einfach ich.

Mein zweites Coming Out hatte ich mit 25 Jahren als ich meine Cousins in Indonesien besuchte. Kurz vor meiner Abreise sagte ich zu meinem Cousin: «Timmy, before I leave I have something to tell you. I’m gay.» Und er meinte dann: «Glenn, I already know it and that’s okay. We love you just the way you are. And by the way, my best friend is also a gay.» Schön.

Heute fällt es mir leichter über mein Coming Out zusprechen. Es war ein langer und steiniger Weg bis hier hin, aber es hat sich gelohnt darüber zu reden.

Oft liest man in den Medien wozu es eigentlich noch ein Coming Out brauche. Schwulsein sei doch schliesslich völlig normal. Man sage ja auch nicht «Hey, ich bin heterosexuell». Leider ist das nicht wahr. Immer wieder lesen wir von jungen Homosexuellen oder Genderqueers die von ihren eigenen Familien ausgestossen werden, verprügelt oder aus Verzweiflung, weil niemand für sie da sind, Suizid begehen. Und genau aus diesem Grund ist es wichtig, sein Coming Out zu haben um anderen Mut zu machen und sagen: «Hey, Du bist nicht alleine. Wir sind alle füreinander da.»

Ein Coming Out fühlt sich an wie eine zweite Geburt. Du offenbarst dein Inneres und kannst stolz drauf sein. Wie oft habe ich mich verstellt, mich angepasst. War so, wie ich sein sollte, bloss, um als «normal» bezeichnet zu werden.

Mein Tipp für dein Coming Out

  • Suche Dir die Freunde aus, die Dir am nächsten sind, mit denen Du Deine Geheimnisse austauschst, die für Dich da sind und denen Du vertrauen kannst. Erzähle ihnen deine Coming Out Story.
  • Zögere nicht und warte auch nicht auf den «perfekten» Moment, wenn du es deinen Eltern sagen willst. Es gibt keinen perfekten Moment. Sag es dann, wenn du es für richtig hältst und sage ihnen dann, was dich eventuell bedrückt und dass du nach wie vor, derselbe Sohn/dieselbe Tochter bist und sich daran nichts ändern wird.
  • Wenn du Anschluss suchst oder Fragen rund um das Coming Out hast, dann rate ich Dir, melde Dich bei www.du-bist-du.ch.

Hier sind Spezialisten am Tun. Die können deine Fragen beantworten. Ich kenne das Team und kann es jedem nur bestens weiterempfehlen.

Sei stolz auf dich. Du bist wertvoll, wie alle Anderen auch. Ich weiss dass Du es schaffen kannst. Sei einfach Du selber. Du bist du. Einzigartig, wertvoll und wunderschön.

Be Proud.

In diesem Sinne… Happy Coming Out Day, Everyone.

X Glenn

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